Vortrag von Dr. Stefan Loibl

Europa und die Qualifizierung: Eine Gefahr für die praxisorientierte Aus- und Weiterbildung?

Das deutsche duale Qualifizierungssystem, eine Verknüpfung von Theorie und Praxis, mit einem Primat der praktischen Unterweisung, gilt vielen bis heute als das beste Ausbildungssystem weltweit. Jedes Jahr pilgern Heerscharen ausländischer Delegationen durchs Land, besuchen Ausbildungswerkstätten und Bildungszentren und reisen begeistert wieder nach Hause, um von wunderbar funktionierenden Kooperationen zwischen Unternehmen, Kammern und Schulen zu berichten.

Doch trotz dieser hohen Wertschätzung findet heute kaum mehr irgendwo die Einführung eines vergleichbaren Berufsbildungssystems statt. Die Tradition der betrieblichen Ausbildung ist in vielen Ländern nur schwer zu vermitteln, die darauf aufbauende berufsbegleitende Weiterbildung mit ihren öffentlich-rechtlichen Abschlüssen ist außerhalb des deutschen Sprachraums fast unbekannt, da die Berufsbildungssysteme in anderen Ländern entweder vollständig in staatlicher Hand, oder privatisiert sind. Seit die EU beschlossen hat, bis 2010 zum „wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt“ zu werden und die Qualifizierung der Bevölkerung zum Schlüsselfaktor für wirtschaftliches Wachstum erklärt hat, tritt vor der Folie zunehmender Mobilität von Unternehmen und Arbeitnehmern die Frage nach der Vergleichbarkeit der Bildungssysteme in den Vordergrund.

So wurde die Idee eines europäischen Qualifikationsrahmens (EQF) geboren, der sich an den Lernergebnissen orientieren soll. Dabei wird die Frage wo und wie etwas gelernt wurde, ob am Arbeitsplatz, im Sportverein, oder am heimischen PC, bedeutungslos. Entscheidend ist die Handlungskompetenz am Arbeitsplatz. So wächst die Sorge bezüglich einer Aufweichung der betrieblichen Aus- und Weiterbildung. Ist die Sorge berechtigt? Wie müssen wir die Aus- und Weiterbildung zukünftig steuern, um weiterhin stolz auf unsere Qualifikationen und die Innovationskraft von gut ausgebildeten Fach- und Führungskräften verweisen zu können?

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